Sehenswürdigkeiten in Kanada
Kanada Ontario

Lange vor Rosa Parks: Das Dorf der Sklaven

Unterwegs auf der Underground Railroad in Ontario

Shannon Prince zeigt Sklavenhandschellen © Ole Helmhausen
Shannon Prince zeigt Sklavenhandschellen © Ole Helmhausen

Eine Gemeinde aus Nachkommen geflohener Sklaven und Onkel Tom´s Hütte, schwarze Erfolgsgeschichten, unbequeme Wahrheiten: Autor Ole Helmhausen begegnet auf dem Canadian African Heritage Trail einer kanadischen Erfolgsstory mit kleinen Schönheitsfehlern.

Seit die Kinder drüben in Merlin unterrichtet werden, steht die alte Schule leer. Gemeindemitglieder halten das schöne Holzhaus seitdem in Schuß. Allen hier ist das ein Anliegen, denn jeder hat irgendwann in dem einzigen Klassenzimmer die Schulbank gedrückt. Und so mancher fand schon hier seinen Menschen für´s Leben. So sind die vergilbten Klassenfotos, die hinter dem Lehrerpult an der Pinwand hängen, zugleich Familienbilder. “Die mit den Pausbacken, das bin ich”, sagt Shannon Prince, und zeigt auf eine dünne Zehnjährige in zu großen Kleidern, “und der Bengel mit den abstehenden Ohren da, das ist mein Bryan.” Shannon kennt alle. Und die Familien, zu denen sie gehören. Man wuchs zusammen auf, spielte an schwülen Sommertagen unter dem Rasensprenger und erinnert sich an die die Picknicks unten am Lake Erie und, natürlich, auch an die ersten Schäferstündchen im Sojabohnen-Feld. Die Kinder blicken selbstbewußt in die Kamera. Aus allen wurde etwas, doch das ist es nicht. Die Bilder stammen aus den zwanziger, vierziger und frühen sechziger Jahren, und die Kinder, die da Arm in Arm posieren, sind schwarz, braun und weiß. “Wir waren bereits eine integrierte Schule, da gab es das Wort in den USA noch gar nicht”, sagt Shannon, als sie die Schule wieder abschließt. Daß ihre Haut dunkel ist, sei ihr nie aufgefallen. Hat sie also nie Erfahrungen mit Rassismus gemacht habe? “Hier nicht”, sagt sie bestimmt. Dann schaut sie hinaus auf die Felder, die ihre Vorfahren, jeder erhielt damals 50 Acres, vor fünf Generationen urbar gemacht haben. Vom See weht eine sanfte Brise herauf. Sie lächelt bitter-süß. “Hier nicht.”

Dramatische Vergangenheit, ohne Tam Tam

North Buxton ist ein Nest im tiefen, landwirtschaftlich geprägten Süden Kanadas. Zwei Dutzend Häuser, von alten Bäumen windgeschützt, scharen sich um eine Kreuzung, dazwischen stehen ein paar wohl für immer vor Anker gegangene Trailer. An der Country Road 6, die schnurgerade auf den Lake Erie zuläuft, bilden zwei Dutzend Postfächer den sozialen Mittelpunkt der Einwohner: Ein Ort also, an dem Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen - und hin und wieder ein paar versprengte Touristen auftauchen, die neugierig dem Schild “Buxton National Historic Site & Museum” gefolgt sind. Denn gleich neben der Schule haben die Buxtoner ihre Vergangenheit zusammen getragen, Pacht- und Landkaufverträge darunter und handgefertigte Haushaltsgegenstände. Eigentlich nichts weltbewegendes, wären da nicht auch weniger rührende Dinge zu sehen wie “Wanted”-Steckbriefe und Fußketten und Handschellen, auch für Kinder. Eine große Nordamerikakarte zeigt Pfeile, die von Süden nach Norden, nach Ontario, nach North Buxton, weisen. Vor ihr bleibt Shannon, die das Museum leitet, stehen. “Das war unsere Fluchtroute”, sagt sie leise. Sie fährt mit dem Finger von Tennessee aus nordwärts und tippt zuletzt auf Detroit. “Einige von uns sind dort noch in letzter Sekunde von amerikanischen Kopfgeldjägern abgefangen und zurücktransportiert worden.”

Kanada, gelobtes Land

Shannon stammt, wie alle Buxtoner, von Sklaven aus den alten Südstaaten der USA ab. Zwischen 1830 und 1865 gelang 50 000 von ihnen die Flucht nach Kanada. Dort war seit 1793 der Handel mit Sklaven und seit 1834 auch die Sklaverei verboten. Ermöglicht wurde ihre lebensgefährliche, oft mehrere tausend Kilometer lange Odyssee von der so genannten Underground Railroad, einem geheimen Fluchthelfernetzwerk, das Decknamen aus der Eisenbahn-Termonologie benutzte und von Louisiana bis zu den Großen Seen reichte. Die meisten erreichten Kanada über den Detroit River und ließen sich im heutigen Süd-Ontario nieder, in Städten wie Chatham, wo sie bald ein Drittel der Bevölkerung stellten, und auf Land, das ihnen von weißen Sklavereigegnern und freien Schwarzen zur Verfügung gestellt wurde. Ihre Siedlungen waren erfolgreich und schnell autark, wie North Buxton. 1849 von einem weißen Geistlichen namens William King und 15 Sklaven aus Louisiana gegründet, zählte sie 1855 bereits 300 und während des Bürgerkriegs 2000 schwarze Einwohner. Doch nach dem Bürgerkrieg kehrten die meisten schwarzen Kanadier zurück in die USA.

Hier geht's zum Buxton Museum © Ole Helmhausen
Hier geht's zum Buxton Museum © Ole Helmhausen

Wegweiser durch das schwarze Kanada

Andere, darunter die Buxtoner, blieben. Heute liegt ihr Museum nicht mehr an der Underground Railroad, sondern auf dem Canadian African Heritage Trail, einer Tourismus-Initiative lokaler Gruppen und Fremdenverkehrsvereine. Die weist mit blauen Schildern den Weg zu den wichtigsten “Underground”-relevanten Stätten im Süden Ontarios, darunter St. Catharines, wo die legendäre schwarze Fluchthelferin Harriet Tubman lebte, und die John Freeman Walls Historic Site in Puce, wo die Nachfahren des Namengebers dem Besucher mit Schüssen und Bluthunde-Gekläff vom Band einen Geschmack von der Sklavenjagd geben. Die wohl berühmteste Gedenkstätte des schwarzen Kanada ist die Uncle Tom´s Cabin Historic Site in Dresden. Die Geschichte des Sklaven Josiah Henson, der 1830 von Maryland nach Kanada floh und sich in Dresden niederließ, inspirierte die amerikanische Autorin Harriet Beecher-Stowe zu ihrem international erfolgreichen Anti-Sklaverei-Roman “Onkel Tom´s Hütte”. Henson gründete die Schwarzen-Siedlung Dawn und die erste Berufsschule für Schwarze in Kanada, half anderen in die Freiheit und war auch sonst alles andere als die schwarzweiße Witzbudenfigur, zu der Hollywood ihn später machte. Museumschefin Barbara Carter, 59, ist seine Ur-Ur-Enkelin und muß es wissen. “In meiner Familie heißen viele Jungen Tom. Das würden wir wohl kaum machen, wenn Henson ein schwarzer Weißer gewesen wäre.”

Gegen eine desinfizierte Geschichte

Ist der African Canadian Heritage Trail damit die Visitenkarte eines besseren Amerikas nördlich der Grenze? Auch Gwen Robinson, 71, zeigt vergilbte Bilder. Auf ihnen posiert die erste Generation schwarzer Kanadier, die es zu etwas gebracht hatten: Ein Waffenschmied, dessen Gewehre 1860 in Montreal Preise gewannen, seine Tochter, die in Michigan Medizin studierte, Mitglieder einer schwarzen Freimaurer-Loge, deren prachtvolle Hutfedern im Wind wehen. Doch Gwen, Historikerin im Heritage Room at the W.I.S.H. Centre in Chatham, sieht auch die Geschichten hinter den Geschichten. Sagt Sätze, die nicht so recht zum hochgelobten kanadischen Vielvölker-Mosaik passen, wie “Die kanadischen Schwarzen finden in unseren desinfizierten Geschichtsbüchern nicht statt” und “Der kanadische Rassismus kristallisierte sich erst nach dem Bürgerkrieg heraus”. Und die Bilder in der Schule von North Buxton? “Diese Kinder”, weiß Gwen, “durften zwar zusammen lernen und spielen, aber nicht im selben Restaurant essen.”

Separate but equal, auch in Kanada

Unter anderem auch in Dresden, ausgerechnet. In dem für seinen langen Kampf gegen den Rassismus berühmten Städtchen gingen Weiße und Schwarze bis weit in die 1950er Jahre zwar in die selben Schulen, nicht aber in die selben Vereine, Restaurants, Frisiersalons. “”Das sind schmerzhafte Erinnerungen”, zögert Barbara Carter mit der Antwort. Mit gerade 2500 Einwohnern ist Dresden auch heute noch eine übersichtliche Gemeinde. Doch sie erinnert sich gut daran, wie sie nach Schulschluß vor dem Drugstore bleiben mußte, während ihre weißen Freundinnen drinnen Brause bestellten. “Man fragt sich, wie es so weit kommen konnte, wo gerade mein Ur-Ur-Großvater soviel für Dresden getan hat.” Das fragte sich damals auch ein Dresdner Handwerker namens Hugh Burnette. Weil er 1943 im hiesigen Schnellrestaurant nicht bedient worden war, protestierte er bei seinem Volksvertreter in Ottawa. Doch es gab kein Gesetz gegen Diskriminierung, und so gründete Burnette mit neun schwarzen Arbeitskollegen die National Unity Association (NUA) gegen Rassismus und Diskriminierung. 1949, sechs Jahre bevor sich Rosa Parks in Alabama weigerte, einem Weißen ihren Sitz im Bus zu überlassen, legte die NUA dem Dresdner Stadtrat eine Petition mit 115 Unterschriften prominenter Bürger vor, die das Ende der täglich praktizierten Diskriminerung forderte. Der Rat jedoch erklärte sich für machtlos und befragte in einem Referendum die Bürgerschaft. Die sprach sich mit überwältigender Mehrheit gegen ein Gesetz zur Gleichbehandlung in den öffentlichen Einrichtungen Dresdens aus.

Free at last. At last?

Indes, die von erheblichem Presserummel begleitete Aktion hatte den Stein in´s Rollen gebracht. 1951 beschloß Ontario den “Fair Employment Practices Act” (gegen Diskriminierung bei der Arbeitssuche) und 1954 den “Fair Accomodations Practices Act” (gegen Diskrimierung nicht-weißer Kunden in öffentlichen Einrichtungen). Die Implementierung dieser Gesetze nahm jedoch wiederum Jahre in Anspruch. So machte die Regierung dem letzten der rassistischen Restaurantbesitzer von Dresden erst acht Petitionen und zwei Anhörungen später den Prozeß. Heute würden die meisten Dresdner das am liebsten vergessen, doch dagegen wehrt sich Gwen Robinson mit Händen und Füßen. “Wir müssen darüber reden, wenn wir Kanada wirklich verstehen wollen”, sagt sie. Damit könnte sie auch den Black Canadian Heritage Trail meinen. Denn der, so gut gemeint er auch ist, präsentiert vor allem mutige Schwarze und selbstlose Weiße. “Unbequeme Dinge zu vergessen, ist sehr kanadisch. Und sehr falsch.” Die alte Dame schaut zum Fenster hinaus. Ihrem Sohn ist vor ein paar Tagen gekündigt worden. Ohne Angabe von Gründen. Weil er schwarz ist? Auf der King Street driftet ein gemischter Pulk Teenager vorbei. Sie seufzt. “Heute ist der Rassismus nur subtiler. Ich darf das sagen, ich sterbe sowieso bald. Und ich stehe auf keiner Gehaltsliste.”

weitere Informationen:

Heritage Room at the WISH Centre, Chatham
Buxton National Historic Site & Museum
Uncle Tom's Cabin Historic Site
Unterkunft:
Jordan House, Chatham

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